Am 14. Dezember 2015 wurde im Westen, nahe Aachen, zwei Autostunden von Köln entfernt, ein vor Jahren vom Netz gegangener Atomreaktor wieder hochgefahren. Der Reaktor wurde vor 40 Jahren gebaut. Und sein Reaktorbehälter hat über 2000 Risse.

Sein Name: Tihange 2

Atomwolken, die an der Grenze halt machen

Nein, der Reaktor steht natürlich nicht in Deutschland. Dieses Medienecho hättet ihr mit Sicherheit nicht übersehen. Er steht in der Nähe von Lüttich / Belgien.

Der Bröckelreaktor Tihange 2

Belgien will, genau wie Deutschland, in den 2020er Jahren vollständig aus der Atomenergie aussteigen. Dennoch werden alte Meiler wieder hochgefahren. In Deutschland wäre wohl die Hölle los gewesen. Kein Politiker oder Unternehmen hätte sich getraut, nach Fukushima und dem letztendlich beschlossenen Austieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg, rissige alte Meiler hochzufahren.

Der im Beitrag genannte marode Atommeiler steht nur 60km von der Grenze entfernt. Über Belgien weht vom Atlantik her so gut wie immer ein Wind von West nach Ost bis Nord-Ost mit ca. 10-30 km/h. Bei einem schweren Störfall wäre eine atomare Wolke je nach Wind vielleicht in einer Stunde an der deutschen Grenze in Aachen, in 2-3 Stunden über Köln und dem Ruhrgebiet. Was denkt ihr, wie lange es wohl dauert, bis ein Störfall eingestanden wird und die Bevölkerung (allein im Ruhgebiet 5 Millionen Menschen) evakuiert ist? Und dennoch ist es in Deutschland ziemlich ruhig, als wäre das Kraftwerk so weit weg wie Fukushima.

Wer wäre im Störfall betroffen?

Die Ausbreitung einer atomaren Katastrophe lässt sich besonders eindrucksvoll anhand der Daten von flexRISK beobachten. Dieses Projekt, dass aus Mitteln des Klima- und Energiefonds gefördert wurde, untersucht in Europa die geographische Verteilung des Risikos durch schwere Unfälle in Nuklearanlagen, insbesondere Atomkraftwerken.

Visuelle Darstellung von atomarer Kontamination auf der Seite von flexRisk. Quelle: http://flexrisk.boku.ac.at/

Visuelle Darstellung von atomarer Kontamination auf der Seite von flexRisk.
Quelle: http://flexrisk.boku.ac.at/

Die Daten dort zu verstehen, ist eine Wissenschaft, aber besonders eindrucksvoll ist die Unterseite „Evaluation„. Dort kann man mit verschiedenen Kontaminationsgraden und anhand historischer Wetterdaten auf einer Karte darstellen, welches Gebiet wie stark kontaminiert wird. Und erschreckend oft trifft Tihange NRW, Bayern, Norddeutschland, Frankreich oder je nach Wind manchmal den kompletten Kontinent.

Spielt mal mit den Einstellungen herum. Ihr werdet sehen, wir erschreckend nah dieses Kraftwerk plötzlich ist.

Was genau ist das Problem?

2012 ging der vom Energieriesen ELECTRABEL betriebene Block 2 von Tihange, von dem hier die Rede ist, auf Anweisung der FANC (der belgischen Atomaufsichtsbehörde) vom Netz, da ca. 2000 Risse am Reaktorbehälter gefunden wurden (diese sollen bis zu 6cm groß sein!).

Tihange

Tihange – nuclear power plant“ von HullieEigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Anfang 2013 erteilte die FANC jedoch aus heiterem Himmel wieder eine Betriebserlaubnis.

Interessant dabei: Seit Anfang 2013 ist auch Jan Bens Präsident der FANC. Rein zufällig war er fast sein gesamtes Berufsleben vorher (1978-2007) Mitarbeiter von ELECTRABEL und ab 2004 Vizedirektor von Tihanges Schwesterreaktor Doel 1 (der noch größere Probleme hat – 8000 Risse). Aber er beteuert natürlich sein Neutralität gegenüber den 29 Berufsjahren bei der Firma, gegen die er nun im Zweifel entscheiden müsste.

Jan Bens schloss aus, dass es in Belgien jemals zu einem Reaktorunfall kommen könne, der Meiler ging 2013 wieder ans Netz. Sie liefen dann bis März 2014, als sie auf behördliche Anordnung wieder heruntergefahren werden mussten. Tests an der mechanischen Resistenz hatten „unerwartete Resultate“ hervorgebracht. Der Stillstand dauerte bis 2015 und viele Medien und Experten gingen davon aus, dass der Reaktor nicht wieder ans Netz geht.

Trotz der Tatsache, dass die Risse in der Zwischenzeit gewachsen sind, ließ die FANC den Reaktor am 14. Dezember 2015 wieder ans Netz.

Warum gehen die Atomkraftwerke ans Netz?

Ich habe mich gefragt, warum trotz beschlossenem Ausstieg diese alten Meiler wieder ans Netz gehen. Meine einzige Erklärung: Es gibt keine Alternativen. Belgien hat keine großen Bodenschätze, hat sich nicht um regenerative Energien gekümmert und die Regierung in dem zwischen Wallonen und Flamen zerrissenen Land ist seit Jahren instabil und entscheidungunfähig. Weder alternative Energien, noch Durchsetzungkraft gegenüber der Atomlobby ist von der Regierung zu erwarten.

Barbara Hendricks sieht sich machtlos. Bild: „Barbara Hendricks 2014-10-24“ von U.S. Army Europe Images from Wiesbaden, Germany - 141024-A-PB921-434. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.

Barbara Hendricks sieht sich machtlos.
Bild: „Barbara Hendricks 2014-10-24“ von U.S. Army Europe Images from Wiesbaden, Germany – 141024-A-PB921-434. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons.

Geld für neue, moderne (Atom)kraftwerke ist keins da, auch ist der Stromanbieter-Markt in Belgien längst nicht so offen, wie in anderen Ländern. Der meiste Strom von Belgien wird teuer importiert, wenig selbst produziert. Der Strom wird zu nahezu 50% von den Atommeilern erzeugt. Wenn die nicht laufen, steigt die Gefahr von Stromausfällen. Eine gefährliche Mischung.

Warum kann Deutschland nichts tun?

Aus dem Vertrag zur Europäischen Atomgemeinschaft von 1957 (!) geht hervor, dass die Staaten souverän sind, was die Frage der Atomkraft angeht. Umweltministerin Barbara Hendricks sieht daher auch sich und die Bundesregierung machtlos. Das stimmt aber nicht ganz. Die Belgische Electrabel ist eng mit deutschen und französischen Konzernen verbunden. So gar keinen Einfluss hätten die beiden stärksten Staaten Europas also eher nicht. Und es stellt sich grundsätzlich die Frage, ob in einer Zeit, 60 Jahre nach diesem Vertrag, in der europaweit Glühbirnen reglementiert werden, diese Souveränität nicht in Frage gestellt werden sollte.

Atomare Wolken machen eben auch an der Grenze nicht halt.

Warum tut keiner was?

Aus der Politik ist derzeit keine Hilfe zu erwarten. Bis auf ein wenig Symbolpolitik, z.B. aus der Opposition oder durch atomare Notfall-Übungen an der deutschen Grenze in Aachen und mögliche Jodtabletten-Ausgabe durch die Aachener Stadtführung, passiert leider nicht viel.

Spannend dabei ist übrigens, dass unsere Ex-Gesundheitsministerin und MdB Ulla Schmidt (SPD), Top-Verdiener MdB Rudolf Henke (CDU, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Vorstand der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses), Martin Schulz (SPD, Präsident der Europäischen Parlaments) oder Sabine Verheyen (CDU, Europapolitikerin) – allesamt aus Aachen oder in Aachen gewählt – nicht den Mund aufkriegen und bezüglich der nahen Gefahr nicht mal auf den Tisch hauen.

Es bleibt bei vorsichtigen Appellen und überwiegend bei dem Hinweis, dass durch den 60 Jahre alten Atomvertrag Deutschland nicht zuständig ist man nichts machen kann. Tja, so einfach ist das.

Aber es gibt Initiativen wie Stop Tihange. Es werden grenzüberschreitende Proteste organisiert, Unterschriften gesammelt, auf Blog und Facebook informiert. Die Übergabe von mehr als 160.000 Unterschriften an das Innenministerium in Belgien war beeindruckend. Auch wenn die Übergabe penibel von der Presse abgeschirmt wurde. Ist den belgischen Ministern wohl unangenehm?

Wie groß ist das Risiko wirklich?

ELECTRABEL sagt: Keine Gefahr – die Risse, bzw. so genannte „Wasserstoffflocken“ waren schon immer da. Sie sind zwar im Druckbehälter, aber liegen so, dass sie die Stabilität der Behälters nicht beeinflussen. Simone Mohr (Expertin für Anlagensicherheit) sieht das anders: Der Druckbehälter muss 155 bar aushalten (ein Autoreifen hat 2 Bar) und Temperaturen bis 320 Grad Celsius aushalten. Und wie gesagt: Der Behälter ist schon 40 Jahre alt! Seit 40 Jahren arbeiten Druck und Temperatur am Material. Und die Pannen über Pannen, Sicherheitsabschaltungen und rauf- und wieder runterfahren der Reaktoren Tihange und Doel seit Dezember lassen nichts Gutes ahnen.

Und was geschieht, wenn der Druckbehälter dem Druck dann doch nicht mehr Stand hält? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass uns die Geschichte schon oft genug gezeigt hat, das versagende Technik/Material, menschliches Versagen, zögern und das Wetter in Kombination schon viel Unheil erzeugt hat. Ich kann mich noch ganz dunkel dran erinnern, dass ich in den 80ern eine Zeit nicht im Sandkasten spielen oder später Früchte aus dem Wald essen durfte. Für mich unverständlich, aber je älter ich wurde, desto schlimmer wurde die Erkenntnis, warum meine Eltern dies taten: Wegen der Kontamination von Tschernobyl. Dieser, sowie die Störfälle in Harrisburg oder Fukushima sind nur die bekanntesten. Die Liste der meldepflichtigen Unfälle in kerntechnischen Anlagen ist lang.

Ich würde ja vorschlagen, fragt Electrabel mal auf Facebook zu Einzelheiten. Aber leider werden dort alle kritischen Stimmen umgehend gesperrt.

Mein Strom kommt aus der Steckdose

Ich wohne in Fahrradweite neben dem in Deutschland viertschmutzigsten und europaweit sechstschmutzigsten Kohlekraftwerk. Klar fordere ich gerne die Abschaltung von Tihange und dem Schwesterreaktor Doel. Mein Kohlekraftwerk gleich mit abschalten. Und alle Schaufelradbagger direkt verschrotten. Und Windräder im Vorgarten will auch keiner.

Tja … und wo soll der Strom herkommen, damit wir unsere Flachbildschirme und Smartphones betreiben können? Ich habe leider auch keinen Masterplan. Ich finde, wir sind in Deutschland auf einem gutem Weg. Wir schaffen immer mehr regenerative Energien, schaffen es diese zu speichern und „normale“ Kraftwerke werden immer unrentabler. Vielleicht schaffen wir es, diesen Weg so weit voranzutreiben, dass auch Belgien davon profitiert, ohne das bis zum GAU die Atommeiler bis zum Sanktnimmerleinstag verlängert werden.

Vorsorge

CC-BY-2.0 Foto von erhard.renz

Lizentiert unter CC-BY-2.0 – Foto von erhard.renz

Mag etwas hysterisch klingen, aber ich mache mir durchaus Gedanken um den Ernstfall. Und ich bin nicht der Einzige. Ironischerweise veröffentlicht ELECTRABEL selbst in der Gegend um das KKW ein Magazin, auf der letzten Seite finden sich Anweisungen für den atomaren Ernstfall.

Mit einer seltsamen Mischung aus Entsetzen und Beruhigung hab ich bei meiner Recherche festgestellt, dass die Bundesregierung unter www.jodblockade.de eine aktuelle Infowebseite betreibt, für Schutzmaßnahmen bei einem schweren Unfall in einem Kernkraftwerk.

Ja, vielleicht ist das das Einzige, was man zumindest für ein paar Euro zur Sicherheit machen kann. Sich ein paar Jodtabletten in den Medizinschrank legen, so dass bei einem atomaren Unfall austretendes radioaktives Jod nicht vom Körper aufgenommen und gespeichert wird. Und dann schauen, dass man im Erstfall sich entgegen der Windrichtung aus dem Gefahrenbereich entfernt.

Zum Abschluss

Zum Abschluss meines kleinen Artikels, möchte ich euch noch einen Film (oder Wahlweise das Buch von Gudrun Pausewang) ans Herz legen: Die Wolke. Dort wird der atomare Ernstfall oder besser die Folgen äußerst bedrückend und nah dargestellt.


Übrigens: Ironie an diesem Film – die Massenpanik-Szene am Bahnhof wurde nicht in Bad Hersfeld gedreht, sondern am Bahnhof Verviers/Belgien. Exakt zwischen Tihange und Aachen.

Und vielleicht noch ein zweiter Tipp, aber der ist absolut nichts für zartbesaitete. Ein vermeintlicher Zeichentrickfilm für Kinder, der mich damals als Knirps sehr verstört hat, weil er sehr deutlich die Auswirkungen der Strahlenkrankheit zeigt: „Wenn der Wind weht“.

Presse und Links

Zu guter Letzt noch eine kleine Sammlung an Presselinks und Links zu weiteren Infos. Erfreulicherweise kommt das Thema Tihange auch bei den überregionalen Medien an, insbesondere Zeit und TAZ.

Zeit:

Weitere Artikel:

Nun zu euch!

Schreibt mir eure Meinung zu Tihange, Atomkraft, eure Gefühle, Ängste oder gerne auch eure fundierten Informationen, warum das alles gar nicht so schlimm ist. Ich trete gerne mit euch in Austausch!

Andreas Poschen

ist ein 34jähriger E-Commerce Experte, agile Product Owner und UX-Fan aus Aachen. Er arbeitet in Köln in einer großen Agentur und schreibt hier über seine Profession, seine Gedanken, Netzfundstücke und zu seinen Lieblingsserien. (mehr zu Andreas). Folgt ihm auf:


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